Zwei junge Frauen und ein Hund in der Mitte lachen in die Kamera

«Sie ist der Kopf, ich bin die Hände.»

Das Licht geht aus, der Vorhang fällt. Erst Stille, dann Applaus. Das ist die eine Seite von Jeanne Zaugg. Die 27-jährige ist selbstständige Schauspielerin und tritt regelmässig auf hiesigen Theaterbühnen auf oder schreibt an eigenen Stücken. Wie Jeannes andere, berufliche Seite aussieht, das erzählt sie uns in diesem Interview und nimmt uns mit in eine typische Arbeitswoche. Obwohl … 

Jeanne, du bist Schauspielerin und arbeitest nebenbei als persönliche Assistenzperson (PA). Wie muss man sich eine typische Arbeitswoche bei dir vorstellen? Kannst du uns mal mitnehmen?

Hui, bei mir gibt es keine typische Arbeitswoche. Jede Woche ist so anders. Jetzt zum Beispiel bin ich gerade mit meiner Chefin an der Ostsee in den Ferien. Eine Premiere, ich bin noch nie als PA verreist. Wenn ich nicht dem Meeresrauschen lausche oder auf der Bühne stehe und eine Vorstellung gebe, dann bringe ich anderen Menschen Hang spielen bei, das ist eine Art Perkussionsinstrument, oder bin Schauspielcoach. Den grössten Teil meiner Woche verbringe ich mit Texte lernen und Proben, mindestens zwei-, dreimal pro Woche, je nachdem, mit wie vielen Ensembles ich zusammenarbeite. Meine Woche ist also sehr vielseitig. Typisch gibt es wirklich nicht. 

Wieso hast du dich entschieden, neben deinem Hauptberuf als PA zu arbeiten?

Abgesehen davon, dass ich es sehr gerne mache, ist der grösste Vorteil für mich, dass ich total flexibel sein kann. Das bin ich ja schon als selbstständige Schauspielerin, ich kann Proben und alles Drumherum sehr flexibel planen. Von daher ist ein Nebenjob, der ebenso flexibel ist, für mich optimal. Wir Assistenten und unsere Chefin haben einen WhatsApp-Chat. Wenn ich weiss, dass ich nächsten Monat wenig Zeit habe, schreibe ich das einfach da rein und jemand übernimmt meine Einsätze. Umgekehrt springe ich ein, wenn ich mal viel Zeit habe und jemand aus dem Assistenzteam nicht kann. Diese Flexibilität ist unglaublich wertvoll, und ich schätze das sehr.

Wie bist du zu deinem Job als PA gekommen? Wie hast du deine Arbeitgeberin gefunden?

Das war Zufall. Ich bin nach dem Abschluss an der Schauspielschule in Deutschland gerade wieder zurück in die Schweiz gekommen. Ich wollte einen Nebenjob haben, weil ich mir selbst den Druck nicht machen wollte, von Null auf Hundert von der Schauspielerei zu leben. Das ist ein hartes Geschäft. Ich wollte den Spass nicht verlieren. Nach dem Nebenjob habe ich nicht gezielt gesucht, aber eines Tages auf Facebook die Anzeige meiner Chefin gesehen. Darin hat sie geschrieben, dass sie Assistenten sucht, die keine speziellen Vorkenntnisse haben müssen, weil sie eh nach Charakter aussucht. Dazu ihr Foto mit den Dreadlocks, ihren Tattoos und diesem Strahlen im Gesicht. Ich dachte nur: Wow, da sitzt diese Frau im Rollstuhl, von der einfach so viel Freude ausgeht. Die hat begriffen, worum es im Leben geht. Und bevor ich überhaupt mit dem Gedanken gespielt habe, mich darauf zu bewerben, bin ich mit der Anzeige zu meinem Freund und habe ihm das coole und herzig geschriebene Inserat gezeigt. Und er meinte nur zu mir: Meld dich doch! Er brachte mich eigentlich auf die Idee, mich zu bewerben. Also habe ich ihr geschrieben, mich vorgestellt und seitdem bin ich bei ihr. Ich bin so froh und glücklich über diesen Zufall. Denn mittlerweile ist sie mir eine gute Freundin geworden, und ich mache den Job als persönliche Assistentin sehr gerne.

Kanntest du die Tätigkeit als PA schon vorher deinem Job als PA? Wenn nein, wie bist du darauf aufmerksam geworden, dass es diese Tätigkeit überhaupt gibt?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin wirklich zufällig drauf gestossen, ich wusste damals nicht einmal, dass es persönliche Assistenzpersonen gibt.

Wie planst du deine Einsätze als PA? 

Wir haben einen Wochenplan. Unsere Wochen sind praktisch immer gleich, und ich habe jeden Montag die Nachtschicht. Natürlich gibt es mal Ausnahmen, wenn jemand nicht kann. Dann suchen wir halt einen Ersatz. Das ist das coole an unserem Assistenzteam. Irgendjemand kann immer einspringen, es ergibt sich immer eine Lösung.

Welche Aufgaben hast du als PA? Gibt es etwas, dass du erst lernen musstest? 

Ganz unterschiedliche. Meine Chefin sagt immer, ich sei ihre rechte Hand. Das geht dann vom Haushalt, Kochen, Waschen, Putzen, mit den Hunden spazieren und sie füttern bis hin zum Garten pflegen und Rasenmähen oder Einkaufen. Auch die Pflege gehört dazu. Dafür musste ich aber nicht speziell etwas lernen. Meine Chefin hat mir von Anfang erklärt, wie ich sie tragen oder halten sollen, zum Beispiel beim Umlagern im Bett. 

Ich glaube, lernen musste ich eher, den Job nicht zu ernst zu nehmen. Ich weiss noch, dass ich am Anfang oft abends nach Hause gekommen bin und erst da bemerkt habe, dass ich gar nichts gegessen hatte. Ich hatte richtig Hunger und während meiner Arbeit gar nicht auf mich geschaut. Mein Fokus lag nur auf meiner Chefin. Das musste ich lernen. Dass auch ich meine Tage, die ich bei ihr bin, geniessen kann und nicht nur auf sie schauen muss. Aber ich glaube, das ist bei jedem neuen Job so. Am Anfang ist es doch immer anstrengender, bis man mal drin ist. 

Musstest du irgendwelche Ausbildungen, Weiterbildungen, Vorkenntnisse als PA mitbringen (z.B. Pflegefachperson o.ä.)?

Nein, ich habe keine Ausbildung in diese Richtung und musste auch nichts mitbringen. Es ist alles schnell lernbar. Sie erklärt einem sehr gut, was man wie machen muss. Sie ist der Kopf und ich bin die Hände.

Unternimmst du auch mal in deiner Freizeit etwas mit deiner Chefin? Wenn ja, was und wie plant ihr das?

Das hat es hin und wieder gegeben, vor allem während des Lockdowns. In der Zeit habe ich viel bei ihr gearbeitet und ganz nah bei ihr gewohnt, wir waren praktisch Nachbarinnen. Wir haben uns bestimmt ein- bis zweimal pro Woche getroffen, auch mit unseren Partnern, zusammen grilliert und Brändi Dog gespielt. Wir sind ein richtig cooles Team geworden. 

Jetzt wohne ich etwas weiter weg, aber sie kommt immer noch ab und zu zu Besuch. Das Tolle ist, meine Wohnung ist rollstuhlgängig, sie kann also einfach hineinfahren. Wenn sie bei mir ist, gehen wir zusammen mit den Hunden spazieren. Einmal habe ich sie an einen Alpaufzug mitgeschleppt. Wir planen unsere Treffen immer sehr spontan, das kann ein Anruf oder eine WhatsApp sein und ein paar Minuten später sehen wir uns schon. «Es fägt eifach».

Erzähl uns doch bitte von deinem schönsten Erlebnis, das du als PA hattest.

Das ist schwierig, davon gibt es einfach zu viele. Diesen Sommer gab es einmal einen Tag, an dem es nonstop in Strömen geregnet hat, wirklich von morgens bis abends. Wir wussten, irgendwann müssen wir mit den Hunden raus. Wir haben auf diese eine trockene Lücke gewartet, aber die gab es einfach nicht. Also haben wir uns an den Spruch erinnert: «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung!» und alles angezogen, was die Garderobe hergab. Schuhe, Gummistiefel, Hut, Regenjacke, Regenhose, Poncho. Und einen Sonnenschirm. Ja, wir haben den Sonnenschirm zum übergrossen Regenschirm umfunktioniert, ihn hinten in den Rollstuhl gesteckt, so dass er meine Chefin einigermassen trocken halten konnte. Und so sind wir mit diesem Sonnenschirm im strömenden Regen durchs Feld gelaufen. Wir haben so gelacht. Ein Erlebnis, das man wirklich nicht jeden Tag hat.

Erzähl uns auch von deinem witzigstens Missgeschick in deiner Laufbahn als PA. 

Uhh, auch davon gibt es viele. Lustig, peinlich, komisch, wie man sie auch immer beschreiben will. Wenn ich bei meiner Chefin die Nachtschicht habe, schlafe ich ja bei ihr. Manchmal klingelt sie nachts, wenn sie zum Beispiel umgedreht werden möchte. Ich bin dann nicht immer ganz wach und wandle eher so wie ein Zombie zu ihr – wenn ich die Klingel überhaupt höre. Einmal hat sie nachts geklingelt und ich bin zu ihr ans Bett. Aus irgendeinem Grund war ich überzeugt davon, dass schon Morgen ist und ich sie jetzt aufs WC bringe. Anstatt sie umzulagern, habe ich ihr einfach angefangen, ihr Pischi auszuziehen. Sie hat mich total entgeistert angeschaut und gefragt, was ich da mache. Sie wolle doch nur umgedreht werden. Darüber konnten wir am nächsten Tag unsere Sprüche reissen.

Mir fällt noch etwas ein. Einmal habe ich ihre Schuhe angezogen und die eine Schnalle nicht ganz geschlossen. Ihr Freund meinte dann: He Jeanne, du hast ihre Schuhe gar nicht richtig zugemacht. Und ich habe aus dem Bauch raus geantwortet: Ja, sie wird mir ja schon nicht davon laufen. Wir haben so gelacht, das war herrlich!

Was glaubst du, bedeutet das Modell «Leben mit Assistenz» für einen Menschen mit Behinderung?

Freiheit. Wir Menschen ohne Behinderungen können uns nicht vorstellen, was ein Leben mit einer Behinderung bedeutet, auch wenn wir das versuchen. Mir ist auch bewusst geworden, dass es oft um das Stillen von Grundbedürfnissen ist, angefangen beim Essen, Trinken, Schlafen, aufs WC gehen oder Duschen. Für solche Sachen auf Hilfe angewiesen zu sein und es nicht selbst machen zu können, das ist für einen Nicht-Betroffenen unvorstellbar. Und wenn man nicht in einer Institution sein will, sondern eben frei im eigenen Zuhause, dann braucht es das Leben mit Assistenz zwingend.

Gibt es etwas, was du als PA von deiner Arbeitgeberin gelernt hast? Hat sich deine Einstellung zum Leben oder deine Sicht auf gewisse Dinge verändert, seitdem du als PA tätig bist?

Ja, sehr viel. Ich hatte vorher keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen und wusste nicht, was es bedeutet. Ich hatte vermutlich auch meine Vorurteile und Berührungsängste, weil ich es einfach nicht gekannt habe. Und heute, wenn ich mich mit meiner Chefin und Freundin unterhalte, dann denke ich gar nicht mehr daran, dass sie im Rollstuhl sitzt. Sie ist ein Mensch wie wir auch. Man vergisst die Behinderung, sie ist einfach nicht mehr wichtig, und das finde ich so schön. 

Sie hat mir auch sonst in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Ich kann zum Beispiel das Gejammer vieler Leute nicht mehr mit anhören. Ich denke mir dann immer: Hey, es gibt Menschen, die haben echte Probleme. Gerade meine Chefin ist ein unglaubliches Beispiel dafür, wie man das Beste aus seinem Leben macht. Sie kann nicht laufen, sich fast nicht bewegen. Aber sie glaubt immer an das Gute und geniesst jeden Tag so wie er ist. Davor ziehe ich meinen Hut. Vielen Leuten würde es so viel besser gehen, wenn sie den Moment mehr geniessen würden, weniger Ansprüche an sich und das Umfeld hätten und vor allem auch sich selbst mehr schätzen würden und das was sie haben. Menschlich ist mir durch mein Job als persönliche Assistentin sehr viel bewusst geworden. Ich gehe heute ganz anders auf Menschen zu. 

Was rätst du anderen Menschen, die sich für die Tätigkeit als PA interessieren? 

Machen, unbedingt machen. Es ist so oder so eine Bereicherung und Erfahrung fürs Leben. Nichts sollte dem im Weg stehen.

«Das Leben ist ein Theaterstück ohne vorherige Theaterproben. Darum: Singe, lache, tanze und liebe! Und lebe jeden einzelnen Augenblick deines Lebens, bevor der Vorhang fällt und das Theaterstück ohne Applaus zu Ende geht.» Charlie Chaplin

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