Mann im Rollstuhl sitzend, männlicher Assistent daneben. Im Hintergrund Wald. Ebenfalls im Bild eine schwarze Assistenzhündin.

«Mein Job kann gefährlich sein – mit zu viel Grand Marnier.»

Anzug, Aktentasche, klassischer Bürojob. So stellt man sich im ersten Moment einen Absolventen des Studiums der Rechtswissenschaften vor. Manchmal aber spielt der Zufall mit und einer bricht aus der gewohnten Bubble aus. So geschehen bei Frédéric. Anfang Studium hätte er sich nie gedacht, dass er je mit Menschen mit Behinderungen arbeiten wird. Und jetzt kann er sich keinen besseren Nebenjob vorstellen. Auch dank seines Arbeitgebers und vielen abenteuerlichen, spassigen und feurigen gemeinsamen Stunden.

Frédéric, du bist Student an der Universität St.Gallen und arbeitest nebenbei als persönliche Assistenzperson (PA). Wie muss man sich eine typische Arbeitswoche  mit Studium und Nebenjob bei dir vorstellen? Kannst du uns mal mitnehmen? 

Ich kann mir die Stunden bei meinem Chef sehr flexibel einteilen. In der Regel arbeite ich sechs Stunden pro Woche, jeweils zweimal zwei Stunden am Morgen und einmal zwei Stunden am Nachmittag. Die Einteilung mache ich immer bis zur Mitte des Vormonats. Im Doodle gebe ich ein, wann ich arbeiten kann, was abhängig ist von meinen Vorlesungen. Mein Chef teilt mich und die anderen anderen persönlichen Assistentzpersonen ein und schickt uns den Kalender. Er selbst ist auch sehr flexibel und versucht auf meine Wünsche einzugehen. Wenn ich zum Beispiel Semesterferien habe und etwas mehr verdienen möchte, dann sage ich ihm das und er plant mich entsprechend öfter ein.

Wieso hast du dich entschieden, neben deinem Studium als PA zu arbeiten?

Das war Zufall. Eigentlich wollte ich nicht während des Studiums arbeiten, schon gar nicht im ersten Jahr. Das ist in meinem Studiengang das schwierigste, denn dieses musste ich zwingend bestehen, um überhaupt weiterzumachen. Dann habe ich aber auf Facebook ein Stelleninserat von meinem Chef gesehen, habe mich bei ihm gemeldet, weil ich es eine lässige Alternative zu meinem wirtschaftslastigen Studium fand. Es war so ein «pop-the-bubble»-Gedanke, also ausbrechen aus der Blase, in der ich mich wegen des Studiums befand. Man kennt halt eine Sorte Mensch, ist vom gleichen Menschenschlag umgeben, denen es in der Regel gut geht. Mit Menschen mit Behinderungen kommt man dort kaum in Kontakt. Das Inserat hat mich angesprochen, weil es einfach ganz was anderes war als das, was ich gemacht habe oder mir zu dem Zeitpunkt vorgestellt habe, mal zu machen. Also habe ich ihm meine Bewerbung mit Lebenslauf und Motivationsschreiben geschickt und ihn zum Bewerbungsgespräch getroffen. Es hat sich dann herausgestellt, dass ich der einzige Student war, der sich auf sein Inserat gemeldet hatte. Mittlerweile sind wir im Assistenzteam schon zu dritt von der Universität St.Gallen.

Kanntest du die Tätigkeit als PA schon vor deinem Job als PA? Wenn nein, wie bist du darauf aufmerksam geworden, dass es diese Tätigkeit überhaupt gibt?

Nein, ich kannte die Tätigkeit als PA vorher nicht. Auch das Assistenzmodell war für mich etwas ganz Neues. Ich hatte überhaupt keine Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderungen und deren Leben. Ehrlich gesagt, habe ich mich auch nicht dafür interessiert. Durch den Job hat sich das ganze nun ziemlich geändert. 

Welche Aufgaben hast du als PA? Gibt es etwas, dass du erst lernen musstest? 

Meine Aufgaben sind ganz unterschiedlich und abhängig vom Tageszeitpunkt. Wenn ich morgens zu ihm gehen, dann liegt er noch im Bett. Das heisst also, dass ich ihm beim Aufstehen helfe. Ich hebe ihn in seinen Duschstuhl und dusche ihn. Danach setze ich ihn in seinen Elektrorollstuhl und ziehe ihn an. Mit dem Rollstuhl ist er ziemlich selbstständig und kann vieles alleine machen, essen zum Beispiel. In der Küche bereite ich sein Müsli vor, mache Tee für den ganzen Tag und stelle sein Mittagessen in den Ofen, wenn er vorhat, zuhause zu essen. Das kann er dann einfach aufwärmen und wenn die Spitex am Mittag kommt, stellt sie es ihm auf den Tisch. Abends bereiten wir das Mittagessen für den nächsten Tag vor. Und wenn er müde ist, mache ich sein Bett parat und lege ihn hinein. Wichtig ist, dass ich ihn so hinlege, dass er keine Druckstellen bekommt. 

Dazwischen gibt es ganz vieles, was ich noch mache. Ich räume die Küche auf, reinige seine Beatmungsmaschine, putze die Dusche und den Duschstuhl, öffne Pakete, wenn er was bestellt hat oder räume einfach auf, was über den Tag so liegengeblieben ist. 

Lernen musste ich eigentlich nichts, am ehesten wohl die Transfers, also wie hebe ich ihn, so dass es für meinen Rücken gesund ist und für ihn sicher und angenehm. Andere Aufgaben wie duschen, waschen, kochen und so weiter konnte ich ja schon. Er hat mir einfach gezeigt, wie ich ihn duschen muss und was ich wann machen muss. Mit der Zeit kommt Routine rein. Und wenn sich mal etwas im Ablauf geändert hat oder ich mich nicht mehr erinnere, welche Creme ich wo auftragen muss, dann sagt er mir das. Er ist da sehr direkt und sagt, was er braucht und nicht braucht oder was ich besser machen kann. Das finde ich sehr gut so.

Musstest du irgendwelche Ausbildungen, Weiterbildungen, Vorkenntnisse als PA mitbringen (z.B. Pflegefachperson o.ä.)?

Nein, nichts. Ich muss ja keine Infusionen legen oder Spritzen geben. Für die einfache Pflege, die ich bei ihm mache, musste ich keine Ausbildung haben. Er sagt mir, was wie zu tun ist. 

Unternimmst du auch mal in deiner Freizeit etwas mit deinem Chef? Wenn ja, was und wie plant ihr das?

Wir treffen uns recht oft. Er spielt gerne am PC, dann schaue ich ihm zu. Und wenn seine Arme müde werden, übernehme ich für ihn. Er hat sich jeweils einen Spass daraus gemacht, mich auszulachen, wenn ich mich beim Spielen eines seiner Horrorgames andauernd erschreckt habe. Ab und zu gehen wir auch mit Freunden auf ein Feierabendbier oder zusammen Whiskey degustieren und dann natürlich kaufen. Wir waren auch schon spazieren und wandern, dafür hat er extra einen Offroad-Rollstuhl, oder Drohnen fliegen und mit Kumpels im Wald grillieren. Es ist wirklich eine schöne Freundschaft entstanden.

Erzähl uns doch bitte von deinem schönsten Erlebnis, das du als PA hattest.

Das war ein Hochzeitsfest. Ich durfte ihn als PA begleiten. Weil es in der Location viele Treppen gab, konnte er seinen schweren E-Rollstuhl nicht mitnehmen. Also hatte er seinen normalen Handrollstuhl dabei und ich und ein paar Andere haben ihn dann immer die Treppen hoch und runter getragen. Das Wetter war beide Tage herrlich. Also haben wir mein Oldtimer-Cabrio geschnappt und sind damit zum Fest gefahren. Vor der Heimfahrt nach St.Gallen haben wir dann die Zeit genutzt und sind noch auf einen Pass gefahren. Das war ein sehr schönes Erlebnis, an das ich mich gerne erinnere.

Erzähl uns auch von deinem witzigstens Missgeschick in deiner Laufbahn als PA. 

Ende letzten Jahres durfte ich den Instagram-Account von CléA übernehmen und ich habe meinen Alltag als PA in den Stories dokumentiert. Als ich abends bei meinem Chef war, wollten wir Gulasch kochen. Wir wollten das Fleisch zunächst flambieren, wie die Profis halt. Wir haben dann wohl etwas viel Grand Marnier erwischt und es hat eine riesige Stichflamme gegeben. Wir haben uns ziemlich erschreckt. Zum Glück ist nichts passiert. Aber als PA kanns einem manchmal ganz schön heiss werden ;-). 

Was glaubst du, bedeutet das Modell «Leben mit Assistenz» für einen Menschen mit Behinderung?

Ich persönlich sehe eine grosse Steigerung der Lebensqualität und Gleichberechtigung. Eine assistenznehmende Person bekommt durch eine PA viel mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Mein Chef bestätigt das, wir hatten darüber erst gerade gesprochen. Ja, man hat mehr Freiheit, weil man in den eigenen vier Wänden lebt. Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass man alles selbst planen muss. Da ist nichts mit spontan um 1 Uhr nachts nach Hause kommen und ins Bett gebracht werden. Nein, sowas muss er jetzt voraus planen. Wenn ich abends bei ihm bin, muss er um 9 Uhr da sein, weil er für dann meinen Einsatz geplant hat. Klar fragt er auch mal, ob es früher oder später geht, da bin ich ja auch flexibel genug. Trotz dieser Planungsache habe ich aber das Gefühl, dass der grösste Mehrwert das Alleine wohnen ist. Das ist einfach ein total anderes Lebensgefühl für die Betroffenen. Man hat ein eigenes Zuhause, in dem man sich wohlfühlt, in dem man sein kann und frei ist und es nach seinem Geschmack einrichten kann. Ich kann das ja auch, also warum soll das Menschen mit Behinderungen verwehrt bleiben?!

Gibt es etwas, was du als PA von deinem Arbeitgeber gelernt hast? Hat sich deine Einstellung zum Leben oder deine Sicht auf gewisse Dinge verändert, seitdem du als PA tätig bist?

Mir war vorher nicht bewusst, wie fest eine Behinderung das Leben prägt und beeinflusst. Nur ein Beispiel: Wenn mein Chef isst und der Löffel ist zu schwer, dann ermüden seine Arme bzw. Hände schneller. Dann muss ich ihm beim Essen helfen. Eigentlich etwas Banales, ein paar Gramm, die so viel ausmachen. Oder eine andere Situation: Wenn die Rampe bei der Bustüre zu steil ist, muss mein Chef mit seinem E-Rollstuhl ziemlich Gas geben, damit er es hoch schafft. Das kann gefährlich werden, wenn er dann zu schnell in den Bus fährt. Ist er zu langsam, könnte er nach hinten wieder runter rutschen. Eigentlich auch eine kleine Sache mit viel Auswirkung. Oder das Fahren über Kies und unebene Wege. Irgendwann schafft es sein Rollstuhl nicht mehr und er bleibt stecken. Ich finde es unglaublich bemerkenswert, wie er damit umgeht und wie er trotzdem sein erfülltes Leben geniesst. Er hat tolle Freunde, einen super Job, einen Assistenzhund, der sein bester Freund ist. Ich bewundere das sehr!

Was rätst du anderen Menschen, die sich für die Tätigkeit als PA interessieren? 

Es ist eine tolle Chance, die man nutzen sollte. Man lernt etwas Neues und erweitert seinen Horizont. Wäre ich in meiner HSG-Blase geblieben, würde ich mit dem Leben mit Assistenz kaum in Kontakt kommen. Durch die enge Zusammenarbeit mit der assistenznehmenden Person baut sich eine Beziehung auf, eine besondere Beziehung. Es entstehen Freundschaften. Dadurch fallen schnell anfängliche Berührungsängste. Als PA zu arbeiten ist ein Job, ja, aber bei mir ist es mittlerweile ein Freund, dem ich helfe. 

Perfekter Nebenjob

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